Formel E: Fahrer kritisieren Attack-Mode, FIA verspricht Verbesserung für Marrakesch

Von Tobias Bluhm
am 21.12.2018 - 07:51

Der neue Attack-Mode der Formel E war beim ersten Rennen der neuen Saison in Diriyya das große Thema. Die Fahrer nahmen das neue "Mario Kart"-Feature vor allem mit Skepsis auf. Mehreren Piloten bereitete die verpflichtende Aktivierung, die ihnen erstmals in Saudi-Arabien zweimal für je 240 Sekunden 25 kW Extraleistung bescherte, erhebliche Probleme. Sie beschwerten sich über einen nicht ausreichenden Zuwachs an Leistung, um Überholmanöver tatsächlich realisieren zu können. Die FIA verspricht bereits Verbesserungen am System für das nächste Rennen in Marokko.

"Im Moment ist der Attack-Mode eher der Verlierer-Mode", schimpft Audi-Fahrer Daniel Abt im Interview mit 'e-Formel.de'. "Derzeit ist das Ganze noch nicht gut gelöst. Die 25 kW reichen nicht aus zum Überholen, gerade weil wir in diesem Jahr ohnehin schon fast ohne Lifting auskommen und das ganze Rennen so gut wie Vollgas fahren. Hinzu kommt, dass die Aktivierungszone nicht richtig markiert ist. Man weiß nie, ob man nun drin ist oder nicht, und verliert, so wie ich im Rennen, bei jeder Aktivierung einen Platz."

In Diriyya platzierte die Rennleitung die sogenannte "Attack-Zone" hinter eine enge Rechtskurve am Start der längsten Geraden der Strecke. Zur Aktivierung mussten die Fahrer eine andere Linie für die Kurve wählen, durch die sie viel Schwung für die Gerade und somit Zeit verloren. Im Schnitt kostete die Aktivierung eine bis zwei Sekunden. Teilweise verloren die Piloten auch Positionen an ihre Konkurrenten.

Folglich nutzten einige Fahrer den Attack-Mode bei Überholverbot hinter dem Safety-Car in der Schlussphase des Rennens, um die verpflichtende Aktivierung abzuhaken und keine Positionen einzubüßen. Auch Abt aktivierte seinen zweiten 25-kW-Schub hinter dem Safety-Car.

Di Grassi fordert Attack-Mode-Aktivierung in der Boxengasse


"Der Attack-Mode hilft strategisch nur kaum", meint auch Abts Teamkollege di Grassi. "Hier in Diriyya ist der Modus eindeutig ein Nachteil gewesen, weswegen ich versucht habe, den Attack-Mode hinter dem Safety-Car loszuwerden. Ich habe es der Rennleitung schon zigmal erklärt, dass wir mehr Leistung brauchen, zum Beispiel 250 kW insgesamt, damit der Attack-Mode zu einer brauchbaren Überholhilfe wird."

"Ich kann mir auch vorstellen, dass man die Aktivierungszone in die Boxengasse verlegen könnte", so di Grassi weiter. "Im Moment verliert und gewinnt man jedenfalls im besten Fall eine Position. Das ist zu wenig."

Auch in anderen Teams war der Ärger über den Attack-Mode groß, wenngleich sich die Fahrer nach dem Rennen mit ihrer Kritik eher zurückhielten. "Es ist schon ein gutes Tool zum Überholen", sagt uns Dragon-Neuling Maximilian Günther. "Es wird aber von Strecke zu Strecke unterschiedlich sein. Hier in Diriyya war es so, dass du zwar schon neben deinen Konkurrenten fahren konntest, aber wegen der kurzen Geraden nicht vorbeigekommen bist, wenn er sich gut verteidigt hat."

FIA plant Anpassung in Marrakesch


Die FIA verspricht den Teams und Fahrern indes Verbesserungen am System für die verbleibenden Rennen der Saison. Unter anderem soll die Positionierung der Aktivierungszone verändert werden. Statt hinter einer langsamen Kurve, so drang bereits am Sonntagstest nach dem E-Prix an die Öffentlichkeit, soll die Zone fortan an weniger gefährlichen Orten der Strecke platziert werden. In Marokko könnte die Attack-Zone, so heißt es bei 'e-racing365', auf der Außenbahn der langen und geschwungenen Kurve 1 aufwarten.

Auch eine Erhöhung der Attack-Mode-Leistung könnte in den Verbesserungsvorschlägen der FIA eine Rolle spielen, wenngleich Formel-E-Boss Alejandro Agag nach der Premiere des neuen Features durchaus zufrieden scheint: "Der Unterschied war klar erkennbar. Es war auf jeden Fall ausreichend für Überholmanöver, weswegen ich nur mit ein paar Anpassungen an der Leistung rechne", erklärt der Spanier bei 'Motorsport.com'. Agag stimmt Günther zu: "Ich denke, es hat [in Diriyya] schon sehr gut geklappt."

Gar nicht gut geklappt hat der Attack-Mode übrigens bei Jose Maria Lopez. Der Argentinier verpasste die Aktivierungsspulen im Boden gleich zweimal hintereinander und verlor dadurch Plätze, die er sich wegen des ausbleibenden Leistungsschubs auch nicht mehr zurückholen konnte. Wenig später schied "Pechito" allerdings ohnehin aus. Jeder Fahrer hatte in Diriyya maximal fünf Versuche, um die Attack-Zone zu treffen. Zwei davon mussten per Reglement erfolgreich sein und in einem Attack-Mode münden.

Welche Adaptionen die FIA-Regelhüter tatsächlich vor dem nächsten Rennen in Marrakesch (12. Januar 2019) vornehmen, ist derzeit noch nicht bekannt. In Anbetracht der Kritik der Fahrer ist aber wohl davon auszugehen, dass das Regelwerk in den kommenden Monaten zusätzliche Anpassungen durchmachen wird, um die Überholhilfe Attack-Mode noch effektiver zu machen.

Kommentare

Ihre Meinung ist gefragt. Hinterlassen Sie Ihren Kommentar und nehmen Sie teil an der Diskussion.

Noch kein Kommentar vorhanden. Sei der/die Erste, der/die einen verfasst.
Hinweise zum Datenschutz: Wir nehmen den Datenschutz nach EU-DSGVO ernst und geben Ihre Daten nicht an Dritte weiter. Dieses Formular sendet und validiert Ihre eingegebenen Daten per SSL. Sie haben die Möglichkeit einen anonymen Anzeigenamen zu vergeben. Anzeigename und Kommentar werden veröffentlicht. Zur Sicherheit wird Ihre IP-Adresse verschlüsselt in der Datenbank gepeichert. Weitere Hinweise zur Erhebung, Speicherung und Schutz Ihrer Daten erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Verwandte Artikel

Fahrer-Cockpits, Quarantäne & Seoul: Die Konsequenzen des Berliner Formel-E-Sixpacks

de:Mahindra-Car-Tempelhof
Timo Pape, 18.06.2020 - 17:00
Seit Mittwoch wissen wir: Die Formel E wird ihre Saison Anfang August mit insgesamt sechs Rennen in Berlin-Tempelhof beenden. Dadurch ergeben sich einige Konsequenzen, die eine Erwähnung wert sind und denen wir uns in einem Mix aus Faktencheck und Kommentar widmen. So wird die Terminierung des Berliner Sixpacks mit ...

Formel-E-Batterie: Williams Advanced Engineering in der Favoritenrolle für Gen3-Akku

de:Formel-E-Batterie-Williams
Timo Pape, 18.06.2020 - 11:30
Williams Advanced Engineering ist nach Informationen von 'The Race' der Favorit auf die Rolle des Batterie-Einheitslieferanten der dritten Formel-E-Generation. Die britische Firma, die bereits für den 28-kWh-Einheitsakku der ersten vier Formel-E-Saisons verantwortlich war, würde nach aktuellem Stand alle zwölf Teams ...

Termine bestätigt: Formel E beendet Saison 2019/20 mit 6 Rennen in Berlin

Brandenburger-Tor-Formel-E-Auto
Timo Pape, 17.06.2020 - 10:15
Nach mehr als dreieinhalb Monaten Corona-Pause hat die Formel E am Mittwochmorgen bekannt gegeben, wie, wo und wann die Saison 2019/20 fortgesetzt und beendet wird. Demnach trägt die Elektroserie wie erwartet Anfang August gleich sechs Rennen innerhalb von neun Tagen (!) auf dem stillgelegten Flughafengelände in ...

Chip-Ganassi-Manager Hull im Extreme-E-Interview: "Haben Übung darin, Rennen zu gewinnen"

de:Mike-Hull-Chip-Ganassi-Racing
Svenja König, 16.06.2020 - 09:20
Der US-amerikanische Traditionsrennstall Chip Ganassi Racing ist eines von acht Teams, mit denen die elektrische Offroad-Serie Extreme E ihre erste Saison im Januar 2021 eröffnen wird. Im Exklusiv-Interview mit 'e-Formel.de' erklärt Teammanager Mike Hull, wie es vom Beinahe-Formel-E-Einstieg zur Einschreibung in ...

e-Formel.de führt neuen E-Mail-Newsletter für Formel E & elektrischen Motorsport ein

de:Formel-E-Mail-Newsletter
Timo Pape, 15.06.2020 - 09:00
e-Formel.de baut sein Newsletter-Portfolio weiter aus. Neben dem Angebot der Social-Media-Nachrichtendienste über Telegram und Facebook Messenger bieten wir ab sofort auch einen klassischen E-Mail-Newsletter zur Formel E und zum elektrischen Motorsport an. Melde dich kostenlos an!

Formel-E-Gründer Agag hält Zusammenschluss mit Formel 1 für möglich: "Ja, ich wäre ...

de:Alejandro-Agag-Formula-E-on-the-phone
Timo Pape, 14.06.2020 - 11:34
Welche Rennserie wird sich auf lange Sicht durchsetzen - die Formel 1 oder die Formel E? Oder können beide koexistieren? Noch ist das nicht abzusehen. Formel-E-Gründer Alejandro Agag nennt jedoch zwei Optionen und zieht die Möglichkeit einer Fusion mit der "Königsklasse" des traditionellen Motorsports in Erwägung.

Ganzer Film: Formel-E-Doku "And We Go Green" in voller Länge schauen

Filmplakat-And-We-Go-Green-Formel-E
Tobias Wirtz, 13.06.2020 - 09:50
Monaco im Mai 2016: Bei einem Abendessen entwickelten Alejandro Agag und Hollywood-Star Leonardo DiCaprio die Idee, einen Dokumentarfilm in Spielfilmlänge über die Formel E zu drehen. Das Ergebnis mit dem Titel "And We Go Green" feierte 2019 bei den internationalen Filmfestspielen in Cannes Premiere. Nach diversen ...

Sebastien Buemi lobt starke Formel-E-Konkurrenz: "JEV & di Grassi sind die Besten"

Di-Grassi-Buemi-Vergne
Timo Pape, 12.06.2020 - 08:00
Die Formel E erfreut sich Jahr für Jahr an einem der wohl stärksten Fahrerfelder im weltweiten Motorsport. Das durchschnittliche Talentniveau ist hoch, dennoch stechen manche Piloten heraus. Zu ihnen zählt Sebastien Buemi, der 2016 den Meistertitel gewann und bis heute viele Rekorde in der Elektroserie hält. In ...

Saisonstart in Chile & Monaco-Comeback: Formel E veröffentlicht Rennkalender für WM ...

de:PM-SSC-Mexico-City-Race-Start
Tobias Bluhm, 19.06.2020 - 20:55
Die Formel E hat den vorläufigen Rennkalender für ihre allererste Weltmeisterschaftssaison 2021 präsentiert. Bei einer digitalen Konferenz des FIA-Weltmotorsportrates (WMSC) wurden am Freitag die Termine für die siebte Saison der Elektroserie beschlossen. Geplant sind insgesamt 14 Rennen in zwölf Städten, darunter ...

Offiziell: Rene Rast übernimmt Audi-Cockpit von Daniel Abt beim Formel-E-Sixpack in Berli ...

de:Rene-Rast-Audi-DTM
Timo Pape, 19.06.2020 - 09:00
Lange haben wir spekuliert, nun ist es offiziell: Der zweimalige DTM-Champion Rene Rast wird an der Seite von Lucas di Grassi die verbleibenden sechs Rennen der aktuellen Saison für Audi Sport ABT Schaeffler absolvieren. Das gab der bayerische Hersteller am frühen Freitagmorgen bekannt. Sofern er sich gut anstellt ...

NEUESTE KURZMELDUNGEN

08.06.
2020

ePod (Episode 154): 17-facher Superbowl

Gemeinsam mit dem "Race at Home"-Challenger ...
05.06.
2020

Senegal: Extreme E kündigt Umweltprojekt an

Die neue Elektroserie Extreme E will an jedem ...
05.06.
2020

Mahindra pflanzt Baum für jeden RaHC-Zuseher

Der indische Formel-E-Rennstall Mahindra ...
03.06.
2020

DEKM veröffentlicht Rennkalender 2020

Die Corona-Pandemie sorgt auch in der Deutschen ...
01.06.
2020

Ecclestone: "Hätte die Formel E begraben"

Als Geschäftsmann, Teambesitzer und Promoter ...



NÄCHSTE TERMINE

16.01.
2021

2021 Santiago E-Prix

Alle Details ansehen
13.02.
2021

2021 Mexico City E-Prix

Alle Details ansehen
26.02.
2021

2021 Diriyah E-Prix (1/2)

Alle Details ansehen
27.02.
2021

2021 Diriyah E-Prix (2/2)

Alle Details ansehen
13.03.
2021

2021 Sanya E-Prix

Alle Details ansehen

NEUESTE PODCASTS

08.06.
2020

ePod (Episode 154): 17-facher Superbowl

Gemeinsam mit dem "Race at Home"-Challenger ...
30.05.
2020

ePod (Episode 153): ABTsolute Wahnsinnswoche

Das ist ein echter Knaller: Audi setzt Formel ...
24.05.
2020

ePod (Episode 152): Mittagspause mit einem Champion

Der nächste Formel-E-Superstar im ePod: ...
18.05.
2020

ePod (Episode 151): Nicht so Fröhlich

BMW-Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich ...
07.05.
2020

ePod (Episode 150): Jubiläum mit Daniel Abt

In der 150. Folge vom ePod beehrt uns Audi ...
Erstellt und geladen von fiCMS in nur 1404ms. - Jetzt mehr erfahren